Neulich in…

Neulich in Atlantic City

19.01.2012  |  Veröffentlicht in Neulich in...

„Mike Tyson“ – als dieser Name fällt, ist der Gast aus Deutschland mit einem Schlag hellwach. Zuvor hatten vier Stunden Verspätung des Fliegers, zweieinhalb Stunden Anstehen bei der Einreise und zwei Stunden Rush Hour in New York ihren Tribut gefordert. Jetzt, in der bedrückenden Enge des Greyhound-Busses, ist das alles plötzlich vergessen. „Mike Tyson“, flüstert der Passagier in der letzten Reihe nochmals. Der Berg von Mensch, der dort im Halbdunkeln auf die Toilette im hinteren Teil des Busses zuwankt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen jedoch nur als mäßige Kopie des früheren Champions. Mike Tyson soll zwar, was man so hört, ziemlich abgebrannt sein, aber dass er nachts für 35 Dollar den Roundtrip New York-Atlantic City bucht, ist wohl nicht mehr als ein Gerücht. Verbreitet vom Lümmel aus der letzten Reihe. Als der später auch noch Michael Jackson ausruft, lohnt noch nicht mal mehr das Hinsehen. Beim Aussteigen in den grellen Neonlichtern des Spielcasinos am Atlantikstrand entschuldigt er sich immerhin für sein Verhalten – er schüttelt den leeren Starbucks-Becher und murmelt „Too much drink“. So macht man das also in Amerika. Das Sixpack Tecate in ein paar Pappbecher umgefüllt hätte als Tarnung vollkommen gereicht. Merken für die nächste Reise.

Wer hier in der vor sich hindösenden, beinahe menschenleeren Zockerstadt aus England kommt, ist nicht nur am Shirt mit der Aufschrift „Team Froch“ zu erkennen, sondern vor allem auch am stets gefüllten Bierbecher in der Hand, losgelöst von der Uhrzeit. Selbst der Weltmeister aus Nottingham rechnet dem deutschen Gast am Tag vor dem Kampf beim Spaziergang in der Sonne vor: „Vier Stunden bis zum Wiegen, das macht vier Cocktails.“ Der Engländer versteht zu leben.

Das Freibier, das der Weltmeister seinen mitgereisten Fans nach dem Wiegen an der Bar im Caesars-Casino spendiert, hält nicht lange. Es ist zwar noch genügend da, als Ex-Weltmeister Johnny Tapia vorbeischaut – aber der hält es ja eher mit anderen Rauschmitteln.

Der Versuch, die Reise mit dem 25-Dollar-Gutschein vom Greyhond-Roundtrip an den Slot-Machines wieder reinzuspielen, misslingt. Ebenso wie die zahlreichen Versuche ohne Gutschein. Dafür funktioniert der Touchscreen für kostenfreie Getränkebestellungen tadellos, der Bourbon Cola kommt zuverlässig, der Dollar Trinkgeld lächerlich. Dass, während man so in die Nacht hineinspielt, Antonio Tarver und Carl Froch, einen Tag vor dem größten Kampf seines Lebens (und die Stöckelschuhe seiner Freundin tragend, also in den Händen), vorbeiflanieren, nimmt man eher beiläufig zur Kenntnis. Fight Week in Atlantic City.

Dass sich tags darauf Victor Ortiz auf den Vorwurf hin, man sei drei Monate zuvor eigens nach Las Vegas geflogen, um ihn gegen Floyd Mayweather siegen zu sehen und dann so etwas, per Umarmung entschuldigt („Wenigstens haben wir zusammen verloren“), relativiert den Schmerz (und die 600 Dollar für Tickets). Lucian Bute macht an der Hotelbar im Caesars einen gleichermaßen entspannten Eindruck, Andre Berto weniger und Steve Cunningham ist immer noch aufgebracht – das könnte sich wohl erst am 4. Februar ändern.

Die Boardwalk Hall an der langen Strandpromenade verströmt geradezu Boxgeschichte. Hier sind sie einzuatmen, die großen Schlachten, die großen Helden. Mike Tyson, Evander Holyfield, George Foreman, sie schlugen hier zu und ließen einen Teil von sich da. Arturo Gatti ohnehin. Was für Sven Ottke einst die Bördelandhalle in Magdeburg war, nämlich sein Wohnzimmer, war für Gatti die Boardwalk Hall in Atlantic City – 15 Kämpfe absolvierte er hier. Bördelandhalle oder Boardwalk Hall – die Entscheidung fiele wohl genauso leicht, wie sie klingt.

Auch an diesem Abend wird Geschichte geschrieben, der beste Supermittelgewichtler des Planeten wird gekrönt. Es ist eine deutliche Sache, eine Meisterleistung von Andre Ward, der im Moment seines größten Triumphes so gerührt, so bewegt, so bescheiden daherkommt, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Auch der Verlierer zeigt Größe, jedem Fan stellt er sich und versucht die Gründe seines Scheiterns zu erläutern. Ohne Ausreden, ohne Verbitterung, nur mit Enttäuschung. Auf der Pressekonferenz gratuliert er dem Sieger und bestaunt dessen Gürtel, die er sich entgehen ließ. Wer die beiden sieht, wie sie staunend wie Kinder die glitzernden Devotionalien betrachten, wie der Verlierer sie wenigstens einmal in seinem Leben berühren will, der ahnt, dass es diesen beiden nicht nur um den Scheck geht, wenn sie in den Ring steigen.

Bernard Hopkins schaut vorbei und schließt einen Nichtangriffspakt mit dem Champion, während sich sein Trainer Nazim Richardson vor dem Podium langlegt und schon mal einschläft. Schlafen: keine schlechte Idee. Denn in ein paar Stunden geht es zurück. Nach langen Diskussionen mit enttäuschten Engländern an der Bar (24 Stunden Happy Hour), mit anderen enttäuschten Engländern im Greyhound durch den Stau, mit öffentlichen Bussen durch den New Yorker Stadtverkehr, hin zum, natürlich, verspäteten Flieger. Aber mit Geschichte im Gepäck. Was will man mehr?

Neulich in LA

29.09.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Hollywood. Das klingt nach großer Bühne. Nach weiter Welt. Nach Promis, Sternchen, Dollarzeichen, Kohle, Ruhm, Reichtum. Nach geschafft. Wer es hierhin gebracht hat, hat es geschafft. Hat sein Glück gemacht in Amerika, diesem verrückten Moloch der Kulturen. Hollywood. Das ist, wer den Wildcard Boxing Club sucht, die heruntergekommene Hütte in zweiter Reihe, vor der ein paar Schwarze herumlungern, hängengeblieben auf welchem Trip auch immer. Und das ist, wo der Weiße mit dem Tattoo auf dem Rücken mit dem Gesicht zur Wand steht, die Hände auf den Rücken gefesselt, die Cops im Nacken. Hier also wird Boxgeschichte geschrieben. Hier trainiert der beste Boxer der Welt. Einer der Größten aller Zeiten. Die Freitreppe vom Parkplatz hoch in den ersten Stück, die Fahnen vor dem Fenster – alles schon im Fernsehen gesehen, hundert Mal.

Der kleine Raum ist brechend voll, es stinkt, nicht nur nach Schweiß, man kann sich kaum bewegen, geschweige denn atmen. So muss es sein. In der Ecke hauen sie sich richtig, Sparring mit gelöster Handbremse, die Schreie füllen den Raum. Momentan nur übertönt von den Seilspringern auf der kleinen Holzbühne neben dem Ring. Alle drehen sie hier ihre Runden, ein Leben im Drei-Minuten-Takt: Weltmeister, Contender, Journeymen. Und die Bürohengste. Fünf Dollar zahlen sie für eine Trainingseinheit im Gym der Champions, für einen Trainer, der ihnen die Pratzen hält, noch einmal zehn. Pepper Roach ist einer von ihnen, der Bruder des Besitzers. Freddie Roach ist ein Star, weltweit. Weil er aus einem kleinen Wirbelwind von den Philippinen mit Dynamit in den Fäusten den besten Boxer der Welt formte. Und weil er selbst ein Champion ist. Weil er jeden Tag einen Sieg feiert. Als mittelmäßiger Profi steckte er so viel ein, schluckte so viele harte Schläge, dass er heute den Preis dafür bezahlt. Aber was macht der Parkinson-Kranke? Setzt sich weiter harten Schlägen aus. Manny Pacquiao prügelt auf Roach ein, der ein dickes Polster um den Bauch trägt, als ginge es um sein Leben. Das geht es ja auch. Am 12. November in Las Vegas, wenn Pacquiao zum dritten Mal auf den zähen Mexikaner Juan Manuel Marquez trifft. Der will nichts weniger als die Weltherrschaft. Wer ganz oben ist wie Pacquiao, ist immer der Gejagte. Pepper Roach dagegen, der Bruder, wie er hier gerufen wird, hat es leichter. Er muss nur gut genährten, wohlhabenden Feierabendboxern Beine machen, die abends den weißen Hemdkragen gegen die Boxhandschuhe tauschen.

Sie sind schon nach drei Kombinationen in die Pratzen stehend k.o. Pacquiao dagegen hört scheinbar nie mehr auf. Immer wieder drischt er auf Roach ein. Seine Schläge sind im Dröhnen des Gyms kaum zu vernehmen. Aus allen Ecken dringen Schreie, Stöhnen, lautes Klatschen – wenn Leder auf Leder trifft, Handschuhe auf Sandsäcke. Wer es in den überfüllten Raum schafft, zählt zu den Privilegierten. Die weniger Glücklichen müssen essen, beim Thailänder direkt unter dem Gym, der angeblich die Mahlzeiten für den Champion zubereitet, oder einkaufen, im Manny-Pacquiao-Fanshop direkt nebenan. Aber der hat geschlossen. Öffnungszeiten Fehlanzeige.

Wer es bis auf die Treppe zum Gym geschafft hat, dem bieten sich die Boxer an. Da ist der Bantamgewichtler aus Spanien, nach eigenen Angaben der nächste große Star. Schon klar. Stars sind sie hier alle. Eben nur noch nicht entdeckt. Wenige Meter weiter reden sie nicht nur, sondern arbeiten noch daran, sich ganz nach oben durchzuschlagen.

Auf die zahlreichen Boxernasen und vernarbten Gesichter, gezeichnet vom Lebenskampf und vom Überlebenskampf im Ring, kommen im Wildcard die Abhänger. Die, die in dem stickigen Raum am Rand stehen und glotzen, weil sie nichts besseres zu tun haben, weil sie Aficionados sind oder einfach, weil sie die Magie dieses Raumes spüren. Weder Mickey Rourke, sonst Stammgast, ist heute da, noch Mark Wahlberg. Hollywood ist so weit weg. 

Neulich im Gym

15.09.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Drama in drei Akten nach einer wahren Begebenheit.

Darsteller: Boxer: Einst ein talentierter Schwergewichtler, hatte seine Chance, die er nicht nutzen konnte. Nun schon längst auf dem Weg nach unten. Trainer: Harter Bursche ohne Selbstironie, Schleifer mit markigen Sprüchen. Geschäftsmann: Windiger Typ, durch Zufall in der Boxszene gelandet, roch das schnelle Geld und das gleißende Rampenlicht. Student: Untalentierter Aficionado, trainierte am Abend mit den Profis.

1. Akt
Ort der Handlung: Das Gym

Der Student und der Boxer lachten herzlich. Das taten sie immer, wenn der Trainer noch nicht da war. Dann herrschte Ausgelassenheit in der Umkleide. „Wir sollten heute zur Abwechslung mal Fußball spielen“, schlug der Student vor. „Wenn Du es dem Trainer sagst“, antwortete der Boxer. Sie lachten bei der Vorstellung. Also Bandagen und Handschuhe geschnappt und ab in den Trainingsraum. Nach den ersten Runden zum Aufwärmen erschien der Trainer in der Tür. Breitbeinig und wortlos stand er im Eingang und beobachtete die beiden, wie sie ihre Runden drehten. Dann marschierte er los, immer noch breitbeinig, schob sein breites Kreuz, das er durch das Ausstellen der Schultern noch größer erscheinen ließ, durch die Sandsäcke und brüllte, in der Mitte des Raumes angekommen: „Boxer!“ (Natürlich nannte er den Boxer an dieser Stelle nicht Boxer, sondern beim Nachnamen, das tat er immer, um seine Respektlosigkeit und Überheblichkeit zu betonen). „Wir haben ein Angebot von Tyson!“ Sprach’s, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte, immer noch breitbeinig und in aller Langsamkeit, um seinem vorläufigen Abgang von der Bühne Dramatik zu verleihen, in den Eingangsraum. Der Boxer, der mittlerweile auf der Bank an der Wand saß und seine Hände bandagierte, schaute ihm noch lange nach. Bis heute ist nicht klar, was er sich in diesem Moment wohl gedacht hat. Machte sich Panik breit? Sah er sich am Boden, Tyson über ihm triumphierend? Hatte er einfach nur Angst? Sah er sich Runden lang weglaufen vor Tyson, bis der ihn schließlich doch einmal mit einem Wischer traf, woraufhin er sich auszählen ließ? Sah er Bündel voller Dollarscheine, die ihm für diesen Kampf ohne Zweifel winkten? Oder sah er sich sogar Tyson mit einem Streifschuss am Kinn treffen, woraufhin der in sich zusammensackte und der Trainer, wie immer breitbeinig, in den Ring stürmte, um den Boxer auf die breiten Schultern zu heben? Wie auch immer. Der Boxer schaute dem Trainer immer noch nach, dann schaute er den ebenso ratlosen Studenten an, zuckte mit den Achseln und bandagierte sich weiter die Hände.

Im Eingangsraum tobte unterdessen der Trainer. „Da sieht man es mal wieder“, sagte er. Er zählte eine Reihe von Namen auf. „Wenn ich den gesagt hätte, wir haben ein Angebot von Tyson, die würden mir hinterherlaufen und nicht mehr von meiner Seite weichen, bis der Kampf steigt.“ Aber egal, er würde auch so stattfinden. Schließlich hatte der Geschäftsmann sich kurz zuvor am Telefon gemeldet und berichtet, er habe mit Tysons Manager verhandelt. Tyson habe großes Interesse an einem Kampf.

2. Akt
Ort der Handlung: Eine Hotellobby in Kopenhagen

Mike Tyson in Kopenhagen? Na, das ist doch nicht weit weg, dachte sich der Geschäftsmann, als er vom Kampf des früheren Weltmeisters in Dänemark erfahren hatte. Tyson brauchte dringend Geld, also war er dem Vorbild Muhammad Alis gefolgt und hatte sich auf große Europa-Tournee begeben. Der Geschäftsmann wollte richtig durchstarten in diesem komischen Sport mit den komischen Leuten, der aber viel Geld zu bieten hatte. Mike Tyson war genau der richtige Name für sein Vorhaben. Das würde sein Durchbruch. Mike Tyson nach Deutschland holen. Das war es, was er brauchte. Also machte er sich schlau, wer denn Tysons Geschäfte führte. Ein gewisser Shelly Finkel arrangierte seine Kämpfe. Nie gehört, dachte sich der Geschäftsmann, aber den würde er schon kleinkriegen. Also setzte er sich ins Auto, fuhr nach Kopenhagen und wartete in der Lobby des besten Hauses am Platze auf Shelly Finkel. Als sich die Drehtür in Bewegung setzte und der Mann mit der Glatze flotten Schrittes durch die Eingangshalle marschierte, eilte der Geschäftsmann auf ihn zu. „Mister Finkel“, setzte er an, er habe da einen richtig interessanten Schwergewichtler, eine große Nummer in Deutschland, you know, Germany is a big boxing market, a lot of money. Finkel nickte höflich auf dem Weg zum Aufzug. Dieses German Heavyweight wäre der perfekte Gegner für seinen Mike, sagte der Geschäftsmann, da könnten sie beide richtig abräumen. „Great“, sagte Finkel in seiner amerikanischen Höflichkeit, „so machen wir es. Ruf mich an.“ Sprach’s und verschwand im Aufzug.
Der Geschäftsmann ballte die Faust in der Tasche, lachte all den anderen, die in der Hotellobby warteten ins Gesicht, seht ihr, so wird das gemacht, ihr Loser. Er griff zum Telefon, marschierte in der Empfangshalle auf und ab und telefonierte extra laut mit dem Trainer daheim in Deutschland. Er sei mit Shelly Finkel klar, der Kampf steigt, ja, in Deutschland, es gibt ganz gutes Geld für beide Seiten (wie viel tatsächlich mussten der Trainer und sein Boxer ja nicht wissen), er mache sich jetzt wieder auf den Weg, Karten für den Kampf heute abend habe er nicht, deshalb fahre er wieder zurück nach Deutschland. Deutschland: die werden sich noch umgucken.

3. Akt
Ort der Handlung: Wohnzimmer des Studenten

Nach der Vorlesung und vor dem Training blieb dem Studenten noch genügend Zeit, um sich auf der Couch auszuruhen. Da rief der Geschäftsmann an. Er sei doch gut vernetzt und schreibe doch nebenbei für eine Boxzeitschrift. Ob er da nicht die Telefonnummer von Shelly Finkel habe. Der habe ihn gebeten anzurufen, aber unglücklicherweise habe er dessen Telefonnummer gar nicht.

Epilog
Mike Tyson boxte dann doch einen anderen

Neulich irgendwo

15.08.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Was war nicht alles über ihn geschrieben worden. Er sei der unfairste Boxer der Welt, einer, der nur auf den richtigen Moment warte, um verbotene Mittel einzusetzen. Verrückt sei er, weil er dies ohne Not tue. Ganz im Gegenteil sogar. Er bringe sich um seine größten Erfolge. Weil er ausraste, obwohl er auf dem Weg zum Sieg sei. Auch deshalb liebte man ihn in Amerika. „Crazy“, sei er, sagte man sich dort. Aber er biete jedes Mal ein Spektakel, wenn er durch die Seile hindurch in den Ring steigt, eine Show für harte Dollar. Und wenn es eine Horror-Show ist, dann umso besser.

Aus Polen war Andrzej Golota nach Amerika ausgewandert. Um sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die eigenen Fäuste zu nehmen. Eine Bronzemedaille der Olympischen Spiele hatte er vorzuweisen, so etwas lässt sich in Amerika, diesem nach Helden des Sports lechzenden Land, ganz gut verkaufen. Noch dazu war er schwer, über 100 Kilogramm. Das gefällt den Zuschauern überall auf der Welt. Es will die schweren Jungs sehen, die Könige des Rings. Und er war weiß. Weiße Schwergewichtler liebt dieses Land ganz besonders, seitdem die schwarzen den Weltmeistertitel beinahe nur noch unter sich ausmachen. Es dauerte nicht lange, da wurde auch dem jungen Polen der Beiname „The Great White Hope“, die große weiße Hoffnung, verpasst. Ein Titel, der so inflationär verwendet wird, dass man sich dieser Auszeichnung beinahe schämen müsste.

Aus Andrzej wurde Andrew. Nicht nur weil es, klar, einfacher auszusprechen war. Nein, auch weil Andrzej nun einer von ihnen war, ein Andrew eben. Für die größten Schlagzeilen sorgte der Neu-Bürger von Chicago jedoch, als er einem seiner Gegner, der ihm einen Sieg mehr im makellosen Kampfrekord, aber nicht in ernsthafte Schwierigkeiten bringen sollte, in die Schulter biss. Die beiden hatten sich in den Nahkampf begeben, den Clinch, den gerade die Schwergewichtsboxer benötigen, um sich kurz auszuruhen. Um wieder Kraft zu sammeln, für ihre gnadenlosen, harten Schläge. Sie steckten die Köpfe zusammen, umklammerten einander und warteten auf das Trennkommando des Ringrichters. Da biss Andrew Golota aus Chicago zu.

Das war schon anderen Boxern mal passiert, schwächten die Experten die Vorwürfe der Presse ab. Boxer, und ganz besonders Schwergewichtler, seien eben sensibel. Und wenn sie frustriert seien, weil sie im Ring nicht so können, wie sie wollen und keinen Ausweg mehr wissen, dann könne so etwas eben schon mal passieren. Aber Mister Golota lag doch auf den Punktzetteln klar in Führung, argumentierten die anderen, er hatte solch ein Foul doch gar nicht nötig. Da haben sie recht, gerieten auch die Experten ins Grübeln, aber wir bleiben dabei: das kann schon mal passieren.

Zumindest war sein Name, sein neuer Name, nun bekannt. Ganz Amerika sprach von ihm. Sportsendungen, die sonst nie etwas vom Boxen berichteten, zeigten plötzlich Ausschnitte seines Kampfes. Zumindest den einen Ausschnitt, den mit dem Biss. Aber egal, er war plötzlich berühmt. Und was machen berühmte Boxer? Sie bekommen Kämpfe gegen andere berühmte Boxer, die sie nie alleine wegen ihres Könnens bekommen hätten. Und so stieg der Kampf im Madison Square Garden von New York: Der ehemalige Weltmeister, Riddick Bowe, gegen den „Foul Pole“, Andrew Golota. Der foulende Pole, das war sein neuer Spitzname. Dann wusste jeder Bescheid. Andrew Golota, wer ist das noch mal? Na, der foulende Pole! Ach so, na klar, jetzt erinnere ich mich.

Und der „Foul Pole“ gab den Tausenden, wofür sie in die Arena geströmt waren. Er lieferte sich eine wahre Ringschlacht mit dem ehemaligen Champion, schickte ihn zu Boden, ging selbst zu Boden. Es war der Kampf seines Lebens, er lag auf den Punktzetteln in Führung. Und dann schlug er tief. Einmal, zweimal, dreimal. Der ehemalige Weltmeister krümmte sich vor Schmerzen am Boden, der Ringrichter disqualifizierte den foulenden Polen und in der Halle brach eine Massenschlägerei los. Die Entourage des früheren Champions war in den Ring gestürmt und ging auf Golota los. Einer schlug ihm ein Handy auf den Kopf, ein anderer trat auf ihn ein. Auch auf den Zuschauerrängen prügelten sich die Schwarzen mit den Weißen, die Amerikaner mit den Polen. Dieser verdammte Pole, riefen sie, dieser verdammte Andrzej. Was macht der überhaupt in unserem Land?

Er stieg in den Ring und boxte. Noch einmal gegen den Ex-Champion. Dieses Mal mit einem größeren Polizeiaufgebot in der Halle. Aber mit denselben Schlägen unter die Gürtellinie. Einmal, zweimal, dreimal. Der ehemalige Weltmeister krümmte sich vor Schmerzen am Boden, der Ringrichter disqualifizierte den foulenden Polen, nur in der Halle blieb dieses Mal alles ruhig.
Er muss verrückt sein, völlig durchgedreht, mutmaßte der tiefgeschlagene Ex-Weltmeister. So etwas habe er noch nie erlebt. Und er sei schließlich auch kein Kind von Traurigkeit. So habe er einen Gegner mal getreten, weil es mit den Fäusten nicht so lief. Aber so etwas wie heute, das ist doch wirklich unglaublich.

Andrew Golota, dem Mann, der als Andrzej aus Polen auszog, um Boxweltmeister im Schwergewicht zu werden, muss sein eigenes Märchen so unglaublich vorgekommen sein, dass er es nicht wahrmachen konnte. Viermal durfte er um die Krone im Schwergewicht boxen, viermal verlor er. Mehr als zwei Chancen bekommt eigentlich niemand. Aber diesen verrückten Polen wollten die Zuschauer einfach sehen. Er füllte jede Halle. Die Promoter brauchten ihn, um ihre Veranstaltung zu verkaufen, die Weltmeister brauchten ihn, um bekannt zu werden. Und die ehemaligen Weltmeister, um mit einem Sieg über ihn wieder ins Geschäft zurückzukommen. Wie Mike Tyson, der auf dem Weg zu einer neuen Titelchance eben noch den foulenden Polen schlagen wollte. Er schlug ihn, Golota ging zu Boden, stand aber wieder auf. Und dachte gar nicht daran, sich von diesem früheren Weltmeister, der bereits viel von seinem alten Glanz verloren hatte, knockout schlagen zu lassen. Er rannte einfach aus dem Ring und verschwand aus der Halle. Das Publikum bewarf ihn mit Popcorn und Getränkebechern. Was für eine Show! Sie hatten mehr bekommen, als sie erwartet hatten, und das war schon eine ganze Menge gewesen.

Wenn Golota einfach nur boxte, dann setzte er sein gutes Auge ein, seine osteuropäische Schule, seine Reflexe, seine harten, punktgenauen Schläge. Ein schwerer Junge mit viel Potential. Wenn der Kopf mitgespielt hätte. Wenn er nicht bewaffnet umher gelaufen wäre und erzählt hätte, er sei ein Bundesagent in geheimer Mission. Wenn er das allen erzählt hätte, nur eben nicht einem echten Polizisten bei der Verkehrskontrolle.

Ein paar Jahre später tauchte er plötzlich in Deutschland auf. Ohne Vorankündigung, ohne Vorwarnung. Einen polnischen Boxer, der hier in den Ring stieg, hatte er nach Deutschland begleitet. Da war er nun. Er war wieder Andrzej Golota, sprach polnisch und wurde nur von den polnischen Zuschauern erkannt. Als der Kampf längst vorbei war, der polnische Halbschwergewichtler hatte seinen Gegner schwer k.o. geschlagen, stand er unbeteiligt herum. Die richtige Gelegenheit, um ihn zu fragen, wann er denn eigentlich wieder in den Ring steige. Sein strafender Blick verströmte eine Eiseskälte, er musterte den so unverschämt Fragenden lange – und schwieg. Tiefschlag oder Biss gefällig, schien er zu fragen. Dann entschied er sich für die Variante Mike Tyson. Er rannte los, flüchtete wieder hinein in die mittlerweile menschenleere, finstere Arena, wuchtete seinen schweren Körper hinauf auf die verlassene Tribüne. Dort stand er nun mit dem Rücken zum Eingang. Ab und zu warf er aus seiner Einsamkeit einen Blick zurück, ob man ihn immer noch beobachtete. Ein Berg von Mann, ein Schwergewichtsboxer, zu Tode verängstigt. Als er sich schließlich unbeachtet fühlte, kehrte er misstrauisch zurück, schloss sich blitzschnell, wie er früher zugeschlagen hatte, der eben vorbeiziehenden Entourage des polnischen Champions an und verschwand in der Nacht.

Manchmal kann man wohl ruhig glauben, was so geschrieben steht.

Neulich in Kopenhagen

10.08.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Da ist er wieder, dieser Däne. Dieser hünenhafte, laute, ungehobelte Däne. Eine gute Stunde zuvor hing er noch benommen in den Ringseilen, jetzt ist er wieder obenauf. Nicht zu bremsen. Dem armen, älteren Herrn, der in der Hotellobby entspannen will, haut er immer wieder im Vorbeigehen derart fest auf die Schulter, wie er es mal lieber vorhin im Ring getan hätte. Noch immer steckt er in seinen Boxerstiefeln und in seiner Boxershort, getränkt von Schweiß und Blut. Die Longdrinks entfalten ihre Wirkung. Die ohnehin unverständliche Aussprache wird noch undeutlicher. Der ältere Herr hört höflich zu und nickt. Nix verstehen. Hätte er vielleicht doch noch etwas fester zuschlagen sollen?

Evander Holyfield, der Sieger des Abends, muss sich eines doppelten Angriffs erwehren. Da ist der laute Däne, der mit seiner Entourage in der Lobby eines Kopenhagener Hotels feiert, dass er, praktisch vom Golfplatz kommend, zehn Runden lang durchgehalten hat. Gegen eine Boxlegende, einen Unsterblichen dieses Sports. Und da ist die junge Dame, ihr Englisch ist fließend, die den Sieger unbedingt noch mitnehmen will. Wohin? Na, erstmal in einen Klub zum Tanzen. Alles andere ergibt sich dann. Beim nächsten Mal, vertröstet sie der Champ. Er ist schließlich schon 48 Jahre alt. Nicht mehr der Jüngste, das weiß er selbst, aber noch immer nicht am Ende. Er ist auf einer Mission. Noch einmal Weltmeister werden, noch einmal der unumstrittene Champion, die Nummer eins im Schwergewicht, der große Zeh Gottes, der König der Könige. Deshalb sitzt er hier, in Trainingsanzug und Badeschlappen, und gönnt sich als einzigen Luxus nach dem Sieg Cola und Hamburger. Soll sich der Däne nur weiter die Longdrinks reinziehen.

Er will schließlich noch einmal alle Lügen strafen, die ihn nicht nur längst abgeschrieben haben, sondern die ihn auch dazu bekehren wollen, seinen Sport, das Boxen, aufzugeben – nichts weniger als sein Leben also. „Ich komme auch nicht in deren Haus und schreibe ihnen vor, was sie zu tun haben“, erzählt er zu später Stunde. „Man darf sich nicht in die Belange anderer Menschen einmischen. Das tue ich auch nicht. Nur, wenn ich darum gebeten werde.“ Er bittet niemanden um seine Meinung, er hat seine eigene. Die zählt. Die der anderen bekommt er ungefragt zu hören. Ständig, überall. Auch die des Dänen. Da steht er wieder, groß und mächtig. „Warum hast du mich gehauen?“, ruft er. „Schau mich mal an. Warum tust du das?“ Evander Holyfield atmet tief durch. Die Mission, schon vergessen?

Neulich in Mexico-City, Part III

25.07.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Der Meister der psychologischen Kriegsführung hatte sich für den Rückkampf etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sieben Monate nach dem Verlust seines Weltmeistertitels im Schwergewicht wollte Muhammad Ali zum Rückkampf mit seinem Bezwinger Leon Spinks 1978 nur mit einem speziellen Paar Handschuhe antreten. Mit Boxhandschuhen der mexikanischen Marke „Reyes“. Alis Botschaft war klar: Reyes ist das Modell für Knockouter, weil es die Kraft der Schläge nicht dämpft und schneller zu Platzwunden führt. Als Ali tatsächlich mit Reyes-Handschuhen in New Orleans zum Kampf erschien, sorgte er für einen Eklat. Vertreter der amerikanischen Handschuhfirma Everlast, die den Kampf sponserte, stürmten den Ring und klebten das Logo ab. Noch vor dem ersten Gong ließ Ali das Klebeband von seinen Betreuern wieder entfernen.

„Wir wissen bis heute nicht, woher er die Handschuhe hatte. Aber er hat in ihnen geboxt – und gewonnen“, sagt Alberto Reyes, Geschäftsführer der mexikanischen Handschuhmarke. Die Handschuhe, in denen Ali sich den WM-Titel zurückholte, hatte Alberto Reyes eigenhändig hergestellt. 1978 produzierte er zusammen mit seiner Frau Leticia und seinem Vater Cleto noch in ihrem kleinen Haus in Mexiko-Stadt. Während Ali als größter Boxer aller Zeiten in die Geschichte einging, stieg Reyes zur weltweit bekanntesten Marke für Boxhandschuhe auf. „Wir sind die Nummer eins“, sagt Alberto Reyes, der heute in zwei Fabriken 70 Mitarbeiter beschäftigt. 2009 wurde in rund 80 Prozent der Kämpfe um die Weltmeisterschaft mit Handschuhen der Marke Reyes gekämpft und in rund der Hälfte aller Profikämpfe weltweit.

Dabei bezahlen die Mexikaner im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern die Boxer nicht dafür, dass sie in ihren Handschuhen boxen. Im Gegenteil: die Kämpfer müssen die Handschuhe kaufen, für mehr als 100 Dollar pro Paar. „Wir haben noch nie einen Boxer bezahlt“, sagt Tochter Elizabeth Reyes, die für den Verkauf verantwortlich ist. Superstars wie Manny Pacquiao von den Philippinen, derzeit der beste Boxer der Welt, lassen sich vor ihren Kämpfen vertraglich festschreiben, in Reyes boxen zu dürfen. Er folgt damit prominenten Vorbildern, fast alle legendären Boxer schlugen schon mit den Handschuhen aus Mexiko zu: Mike Tyson, George Foreman, Oscar De La Hoya, Roberto Duran, Evander Holyfield, Marvin Hagler, Roy Jones.

Mit einem geliehenen Paar Boxhandschuhe war Cleto Reyes 1938 im Alter von 18 Jahren in den Ring gestiegen. Nach seinem ersten und letzten Kampf musste er sich nicht nur zwei Wochen von seinen Verletzungen erholen, sondern auch die geborgten Handschuhe reparieren. Weil er das so fachmännisch tat, er arbeitete in einer Fabrik für Baseballhandschuhe, forderten ihn die Manager mexikanischer Boxer auf, nach ihren Vorstellungen Handschuhe herzustellen. Sie wollten die Fäustlinge nicht mehr länger aus den Vereinigten Staaten importieren. Nach Feierabend nähte Cleto Reyes in seiner Wohnung die Boxhandschuhe, die 1945 zum ersten Mal in einem Weltmeisterschaftskampf benutzt wurden. Die mexikanischen Boxer, die traditionell zu den besten der Welt gehören, nahmen die Reyes-Handschuhe mit zu ihren Titelkämpfen in New York, London, Tokio. „So kamen die Handschuhe in die für den Boxsport berühmtesten Plätze der Welt“, sagt Alberto Reyes. Wegen eines besonders zähen Leders und einer harten Füllung aus Rosshaar und Schaumstoff verstärken die Handschuhe die Schlagkraft. „Softe Produkte sorgen für innere Verletzungen, von denen man nichts mitbekommt. Das ist gefährlich. Harte dagegen machen die Schäden sichtbar. Man sieht das Blut und die Frakturen“, sagt Alberto Reyes.

1954 hatte Cleto Reyes genügend Kunden, um seinen Job in der Fabrik aufzugeben. „Mein Vater begann in einem Markt, der eigentlich nicht existierte. Er kam der Nachfrage überhaupt nicht mehr nach“, sagt Alberto Reyes, der 1970 in das Geschäft einstieg. Weil der Vater, zu diesem Zeitpunkt einziger Verdiener der achtköpfigen Familie, erkrankt war, musste Alberto sein Ingenieursstudium aufgeben. Seine drei Brüder und zwei Schwestern studierten weiter. „Sie hatten keine Lust. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich aus einem kleinen Zimmer so ein großes Unternehmen entwickelt.“ 1983 hörte Cleto Reyes, der mittlerweile posthum in die Hall of Fame des Boxsports gewählt wurde, auf zu arbeiten. Bis zum Tod seiner Frau 1990 führten Alberto und Leticia das Unternehmen, 1996 dann stiegen die Töchter Magdalena und Elizabeth sowie Sohn Alberto jr. ein. „Dann wurde es leicht für mich, endlich konnte ich mich um Lobbyarbeit kümmern“, sagt Alberto Reyes. Er wurde Schatzmeister des mexikanischen Boxverbandes, Delegierter des Weltverbandes WBC mit Sitz in Mexiko-Stadt und Vorsitzender der Stiftung für ehemalige Boxer. Reyes stieg zu einer weltweiten Marke auf, die heute in 75 Ländern registriert ist.

„Wir wachsen jedes Jahr ein bisschen“, sagt Elizabeth Reyes. Dem Unternehmen komme zugute, dass Boxen seit fünf Jahren nicht mehr als Sport für die Unterschicht angesehen werde. „Viele unserer Kunden trainieren in luxuriösen Sportstudios. Das ist unser neuer Markt.“ Das wichtigste aber bleiben die internationalen Stars als Botschafter der Marke. „Die Helden sind das entscheidende“, sagt Alberto Reyes. Auf den Philippinen verkauften die Mexikaner kaum Handschuhe, ehe Volksheld Pacquiao in den Arenen von Las Vegas und New York mit Reyes zuschlug. „Mittlerweile ist das ein starker Markt für uns“, sagt Reyes, der noch heute ausschließlich Box- und nicht wie viele Wettbewerber auch Fitnessprodukte herstellt und vertreibt. „Diese Konzentration macht uns stark.“ Ein Handschuh für das Training hält jahrelang, ein Handschuh für den Wettkampf muss 15 Runden überdauern – bei einer erlaubten maximalen Kampfdauer von 12 Runden. „Bis jetzt ist noch keiner unserer Handschuhe während des Kampfes kaputt gegangen“, sagt Alberto Reyes.

„Hecho en Mexico“ prangt auf jedem Reyes-Handschuh – „Made in Mexico“. Wettbewerber bieten mittlerweile Handschuhe „Modell Mexiko“ an. Für Alberto Reyes ist sein Heimatland, das ihn 1995 mit dem Exportpreis auszeichnete, jedoch nicht nur ein Wettbewerbsvorteil. „Als Unternehmer hat man es nicht leicht in Mexiko. In den Vereinigten Staaten wäre es für mich sicher einfacher gewesen.“ So habe er früher keine Kredite bekommen. „Ich habe das Unternehmen alleine finanziert.“ Natürlich mit prominenter Unterstützung von Muhammad Ali, Mike Tyson, Manny Pacquiao und all den anderen Legenden dieses Sports.

Neulich im Büro

13.07.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Benommen kommt der Kollege aus dem Nachbarbüro. Er muss tief durchatmen, sich erst einmal setzen. Er nimmt die Brille ab, fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht. Damit hatte er nicht gerechnet. Aber er hatte es ja nicht anders gewollt. Seine am Morgen nach der Konferenz beiläufig gestellte Frage hatte es nötig gemacht. „Gibt es denn außer den Klitschkos jetzt noch gute Boxer auf der Welt? Nee, oder?“, hatte er doch tatsächlich gesagt. „Dieser Sturm, wie heißt der noch, Pascal Sturm? Der ist ja nicht schlecht, aber so richtig mithalten kann der nicht, oder? Und Arthur Abraham bekommt ja nur noch auf die Mütze.“

Fünf Minuten später hatte er eine E-Mail im Posteingang. Die nahm ihn richtig auseinander. Rechter Haken, Aufwärtshaken und auf dem Weg runter noch ein linker Haken ans Kinn. Eine ganze Mail voller Youtube-Links: Pacquiao gegen Hatton, Pacquiao gegen Margarito, Pacquiao gegen Marquez, Marquez gegen Diaz, Maidana gegen Ortiz, Maidana gegen Khan, Cotto gegen Margarito, Froch gegen Kessler, Ward gegen Kessler, Froch gegen Taylor, Marquez gegen Vazquez, Mayweather gegen Corrales, Hopkins gegen Pavlik. Und als finale Jabs im Fallen obendrauf – muss er ja nicht wissen, dass die Kämpfe schon ein paar Tage alt sind und zwei der vier beteiligten Boxer schon gar nicht mehr leben – Corrales gegen Castillo und Gatti gegen Ward.

Wirkungstreffer. Als der Kollege wieder Luft bekommt, stellt er die entscheidende Frage: „Warum bekommt man die denn nicht in Deutschland zu sehen?“ Was soll man ihm darauf antworten? Dass sie nicht bei einem Boxstall aus Deutschland unter Vertrag stehen und deshalb von deutschen Fernsehsendern ignoriert werden? Und dass sie, falls sie es doch tun, aus Rücksicht auf das dänische Pay-per-View-Fernsehen in Deutschland nicht gezeigt werden? Dass die verantwortlichen Herren vom Fernsehen Manny Pacquiao wahrscheinlich noch nicht einmal kennen? Das wir, um sie überhaupt zu sehen, uns die Nächte um die Ohren schlagen und schlechte Streams schauen? Dass, ach lassen wir das.

Wir belassen es bei: „Sind halt Geheimtipps, die guten Boxer.“ Mit seinem Insiderwissen kann er dann nächstes Mal am Kneipenstammtisch glänzen und das RTL-Publikum locker in die Tasche stecken. Er kann die E-Mail auch an sein ganzes Adressbuch verschicken und so richtig bei Freunden und Geschäftspartnern punkten. Oder er kann sich die Kämpfe immer und immer wieder ansehen – so wie wir. Nach schlechten Fights im Fernsehen, nach einem harten Tag im Büro, an einem langweiligen Wochenende, kurzum: zu jedem Anlass.

Oh, ich muss Schluss machen. Ricky Hatton läuft gerade ein. „Blue Moon, you saw me standing alone, without a dream in my heart…”

Neulich in Mexico-City, Part II

06.07.2011  |  Veröffentlicht in Allgemein, Neulich in...

Wenn Mexico-City die Hölle ist, ist das Romanza ihr Backofen. Denn erst wer aus der peitschenden Hitze des Boxgyms auf die glühenden Straßen des Molochs tritt, findet Abkühlung. Oben, unter dem Plastikdach, drehen sie weiter unentwegt ihre Runden: die Träumer, die Hoffnungsvollen, die Champions. Sie studieren ihre immer gleiche Choreographie ein. Eine Choreographie aus linken und rechten Haken, aus Jabs und Finten. Auch Juan Manuel Márquez. Obwohl er den Traum, den sie alle haben – im Romanza, im Stadtteil Iztacalco, in der ganzen Stadt -, längst lebt. Er hat sich durchgeboxt – aus der Armut zu Reichtum und Popularität. Er ist Weltmeister, Superstar, Multimillionär. Auf den gefährlichen Straßen seiner Heimatstadt muss er sich schon lange nicht mehr durchschlagen. Aber wenn ein Kampf bevorsteht, wie die Duelle mit dem Kolumbianer Likar Ramos in der kommenden Woche und das dritte Aufeinandertreffen mit Manny Pacquiao im November in Las Vegas,  kehrt er zurück. In das Romanza. In die Armut.

Kein Ort scheint besser geeignet, um sich auf einen Kampf vorzubereiten. Technik und Kondition kann man sich überall antrainieren, aber den Hunger auf Siege, die Härte, die Gnadenlosigkeit für einen Zwölf-Runden-Kampf? Wer im Romanza die geflickten Sandsäcke sieht – zerborsten von Tausenden Schlägen -, auf die Boxer mit einem Handschuh einschlagen, weil sie einen zweiten nicht bezahlen können, der weiß, falls er es jemals vergessen haben sollte, wo er herkommt.

Es gibt viele legendäre Boxer, aber nur eine Handvoll Gyms, die einen großen Namen haben: das Gleason’s in New York natürlich, in dem neben vielen Größen auch der Größte, Muhammad Ali, seine Kombinationen schlug; der Wild Card Boxing Club in Hollywood, wo Bürohengste neben Kinogrößen und Weltmeistern trainieren; das Johnny Tocco’s in Las Vegas, wo unter anderen Mike Tyson seine Gefahr versprühte; das ständig von der Schließung bedrohte baufällige Kronk in Detroit, wo Meistertrainer Emanuel Steward seine Champions formte; das Smokin’ Joe Frazier’s in Philadelphia, über dem Alis legendärer Rivale von einst finanziell abgebrannt in einem kleinen Zimmer hauste; und – das Romanza.

Jeden Morgen fährt Manager Ignacio Beristain, den sie hier nur „Nacho“ rufen, in seinem 1965er Shelby Mustang vor. Beristain ist der bekannteste Trainer Mexikos. Er formte sechzehn Champions und trainierte den großen Òscar De La Hoya. Aber da war es schon zu spät, dem Olympiasieger, mehrfachen Weltmeister und Multimillionär – in Los Angeles geborener Sohn mexikanischer Einwanderer – noch etwas von dem Feuer zurückzugeben, das er irgendwo im Ring verloren hatte, vom „Machismo“, dem Draufgängertum, das alle mexikanischen Boxer in sich tragen. „Wir haben den Krieger in uns“, sagt Márquez, Kampfname „Dinamita“ – nach dem Filipino Pacquiao und dem Amerikaner Floyd Mayweather einer der derzeit besten Boxer der Welt. Im Romanza, wenn sie zum Sparring in den kleinen Ring in der Ecke steigen, kämpfen sie so, wie sie in dieser Stadt leben: Kopf runter und durch. Einstecken und austeilen. Was soll’s, wenn ich drei deiner Schläge nehmen muss, um einen zu landen, wenn meiner zehnmal so hart ist.

Wenn Beristain nicht da ist, nicht in seinem kleinen Büro im Romanza sitzt und Zeitungen wälzt unter den vergilbten Bildern alter Boxgrößen, leiten diejenigen das Training, die immer da sind. „Gymrats“ werden sie in Amerika genannt – Gym-Ratten. Ehemalige Boxer, die nach dem Ende ihrer Laufbahn nicht wissen, wo sie sonst hinkönnen. Süchtige dieses Sports, die mit dem normalen Leben nicht klarkommen. José Luis Zaragoza ist einer von ihnen. Seit zehn Jahren schon steigt er nicht mehr in den Ring. Heute hält er für Weltmeister Márquez den Sandsack, bandagiert ihm die Hände, schaut auf die Uhr, um nach Ablauf von drei Minuten, einer Runde, laut „Tiempo!“ zu schreien – „Zeit!“. Auf sein Kommando ruhen die Fäuste. Zaragoza hat es nicht weit gebracht als Profi, aber er kämpfte in Amerika und sogar in Deutschland. Ausgerechnet in Riesa! In der Sachsenarena. Ri-esa, sagt er, seine Aussprache verleiht der Stadt einen gewissen Charme. Er habe gewonnen, natürlich, erinnert sich Zaragoza, aber die Punktrichter hätten ihn betrogen. „Tiempo!“, brüllt er, die Fäuste fliegen wieder.

Neben Weltmeistern, Preisboxern, Amateurboxern trainieren in den zwei Räumen des Romanza, die durch einen schmalen, niedrigen Durchgang verbunden sind, Hobbyboxer und Kinder von der Straße. Übergewichtige Jungen drehen ihre Runden, um abzuschwitzen – was bei 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit nicht schwerfällt. Leute aus der Nachbarschaft schauen kurz vorbei, erkundigen sich, welche Fortschritte ihr Held macht, fotografieren Márquez beim Training und gehen wieder die schmale Treppe hinunter, vielleicht zur Kneipe im Erdgeschoss, die im Eingang kühles Bier anpreist.

Auch Rafael Márquez trainiert im Romanza. Der jüngere Bruder von Juan Manuel war selbst Weltmeister in zwei Gewichtsklassen. Die Brüder Márquez wuchsen nicht weit entfernt vom Romanza auf, im Stadtteil Iztapalapa, wo Schießereien rivalisierender Gangs Normalität sind. Alle acht Geschwister schliefen in einem Zimmer, Juan Manuel und Rafael immerhin in einem Bett, ihre Geschwister auf dem Fußboden. Der Vater, ein früherer Profiboxer, ließ sie auf Kopfkissen einschlagen. Im Alter von 13 Jahren stand Juan Manuel das erste Mal im Ring. „Alle zehn Jahre gibt es in Mexiko einen Boxer mit solchen Möglichkeiten“, sagt Nacho Beristain. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeiten die beiden zusammen. Gemeinsam sind sie reich und berühmt geworden. Der Armut sind sie entkommen – dem Romanza nicht.

Neulich in Mexico-City

01.07.2011  |  Veröffentlicht in Neulich in...

Gerade in Mexico-City gelandet. Schnell den Koffer vom Band gerissen und ein Taxi geentert. Dem Hotelpagen, auch in Ermangelung des Spanischen, auf dem Weg ins Zimmer ganz unhöflich im Vorbeistürmen „Margarito“ zugerufen. Er weiß – wie sollte es anders sein – Bescheid. „TV Azteca, Channel 16“ ruft er. Gerade noch rechzeitig. Der Page hat die offene Zimmertür genutzt und schaut mit. Klar, Antonio Margarito boxt gleich. Noch redet Julio Cesar Chavez, der Co-Kommentator. Wir hängen an seinen Lippen. Er ist eine Legende, ein Unsterblicher. In Deutschland würden jetzt Boris Becker, Lothar Matthäus oder Uschi Glas blubbern. Lieber nicht dran denken.

Margaritos Kampf wird als das verkauft, was er ist. Kein Starkreden des mittelmäßigen Gegners, keine Überhöhung. Kein Plastikgürtel, der in die Höhe gerissen wird. Kein Buchstabentitel, um den gekämpft wird. Weder Roxette spielt, noch die Scorpions. Keine Nationalhymnen. Boxen pur.

Margarito scheint auch gerade noch rechtzeitig aus Deutschland zu seinem Kampf eingeflogen worden zu sein. Er wirkt genauso müde wie sein Zuschauer. Dazu noch untrainiert. Und langsam. Und alt. Der Page hat die ersten Biere gebracht. Julio Cesar Chavez hat es schlechter. Er muss pausenlos einen Schluck aus der Saftflasche eines Sponsors nehmen und danach befriedigt in die Kamera grinsen. Egal, dafür bekommen die Zuschauer den Kampf kostenlos in ihre Wohnzimmer geliefert. Und lieber einer Boxlegende beim Safttrinken zuschauen, als Axel Schulz beim Geraderücken seiner Baseballkappe.

Über Margarito will der Page nicht fachsimpeln, über Marco Antonio Barrera und Erik Morales auch nicht. Alle von gestern, wie der Gast aus Deutschland offenbar auch. Pacquiao: klar, super Mann, aber kein Mexikaner. Erst bei „Canelo“ blitzen die Augen. Das ist einer, sagt Ivan, der seinen typisch mexikanischen Vornamen mit der nächsten Fuhre Victoria-Bier gleich mitgeliefert hat. Saul Alvarez ist die große Hoffnung der stolzen Boxernation. Sein Spitzname „Canelo“, Zimt, ist in den nächsten Tagen der Türöffner. Taxifahrer, Kellner, Fremdenführer – wer „Canelo“ kennt, gehört zur Familie.

Im Hotelzimmer ertönt der letzte Gong. Nach zehn Runden gibt es gleich mehrere Sieger. Antonio Margarito, weil er einstimmig  nach Punkten gewonnnen hat, einen übermüdeten Zuschauer aus Deutschland, der den Kampf über wach geblieben ist. Und natürlich einen Hotelpagen, der sich eine Stunde lang um die Arbeit gedrückt hat. Viva Mexico!