Der Meister der psychologischen Kriegsführung hatte sich für den Rückkampf etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sieben Monate nach dem Verlust seines Weltmeistertitels im Schwergewicht wollte Muhammad Ali zum Rückkampf mit seinem Bezwinger Leon Spinks 1978 nur mit einem speziellen Paar Handschuhe antreten. Mit Boxhandschuhen der mexikanischen Marke „Reyes“. Alis Botschaft war klar: Reyes ist das Modell für Knockouter, weil es die Kraft der Schläge nicht dämpft und schneller zu Platzwunden führt. Als Ali tatsächlich mit Reyes-Handschuhen in New Orleans zum Kampf erschien, sorgte er für einen Eklat. Vertreter der amerikanischen Handschuhfirma Everlast, die den Kampf sponserte, stürmten den Ring und klebten das Logo ab. Noch vor dem ersten Gong ließ Ali das Klebeband von seinen Betreuern wieder entfernen.
„Wir wissen bis heute nicht, woher er die Handschuhe hatte. Aber er hat in ihnen geboxt – und gewonnen“, sagt Alberto Reyes, Geschäftsführer der mexikanischen Handschuhmarke. Die Handschuhe, in denen Ali sich den WM-Titel zurückholte, hatte Alberto Reyes eigenhändig hergestellt. 1978 produzierte er zusammen mit seiner Frau Leticia und seinem Vater Cleto noch in ihrem kleinen Haus in Mexiko-Stadt. Während Ali als größter Boxer aller Zeiten in die Geschichte einging, stieg Reyes zur weltweit bekanntesten Marke für Boxhandschuhe auf. „Wir sind die Nummer eins“, sagt Alberto Reyes, der heute in zwei Fabriken 70 Mitarbeiter beschäftigt. 2009 wurde in rund 80 Prozent der Kämpfe um die Weltmeisterschaft mit Handschuhen der Marke Reyes gekämpft und in rund der Hälfte aller Profikämpfe weltweit.

Dabei bezahlen die Mexikaner im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern die Boxer nicht dafür, dass sie in ihren Handschuhen boxen. Im Gegenteil: die Kämpfer müssen die Handschuhe kaufen, für mehr als 100 Dollar pro Paar. „Wir haben noch nie einen Boxer bezahlt“, sagt Tochter Elizabeth Reyes, die für den Verkauf verantwortlich ist. Superstars wie Manny Pacquiao von den Philippinen, derzeit der beste Boxer der Welt, lassen sich vor ihren Kämpfen vertraglich festschreiben, in Reyes boxen zu dürfen. Er folgt damit prominenten Vorbildern, fast alle legendären Boxer schlugen schon mit den Handschuhen aus Mexiko zu: Mike Tyson, George Foreman, Oscar De La Hoya, Roberto Duran, Evander Holyfield, Marvin Hagler, Roy Jones.
Mit einem geliehenen Paar Boxhandschuhe war Cleto Reyes 1938 im Alter von 18 Jahren in den Ring gestiegen. Nach seinem ersten und letzten Kampf musste er sich nicht nur zwei Wochen von seinen Verletzungen erholen, sondern auch die geborgten Handschuhe reparieren. Weil er das so fachmännisch tat, er arbeitete in einer Fabrik für Baseballhandschuhe, forderten ihn die Manager mexikanischer Boxer auf, nach ihren Vorstellungen Handschuhe herzustellen. Sie wollten die Fäustlinge nicht mehr länger aus den Vereinigten Staaten importieren. Nach Feierabend nähte Cleto Reyes in seiner Wohnung die Boxhandschuhe, die 1945 zum ersten Mal in einem Weltmeisterschaftskampf benutzt wurden. Die mexikanischen Boxer, die traditionell zu den besten der Welt gehören, nahmen die Reyes-Handschuhe mit zu ihren Titelkämpfen in New York, London, Tokio. „So kamen die Handschuhe in die für den Boxsport berühmtesten Plätze der Welt“, sagt Alberto Reyes. Wegen eines besonders zähen Leders und einer harten Füllung aus Rosshaar und Schaumstoff verstärken die Handschuhe die Schlagkraft. „Softe Produkte sorgen für innere Verletzungen, von denen man nichts mitbekommt. Das ist gefährlich. Harte dagegen machen die Schäden sichtbar. Man sieht das Blut und die Frakturen“, sagt Alberto Reyes.

1954 hatte Cleto Reyes genügend Kunden, um seinen Job in der Fabrik aufzugeben. „Mein Vater begann in einem Markt, der eigentlich nicht existierte. Er kam der Nachfrage überhaupt nicht mehr nach“, sagt Alberto Reyes, der 1970 in das Geschäft einstieg. Weil der Vater, zu diesem Zeitpunkt einziger Verdiener der achtköpfigen Familie, erkrankt war, musste Alberto sein Ingenieursstudium aufgeben. Seine drei Brüder und zwei Schwestern studierten weiter. „Sie hatten keine Lust. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich aus einem kleinen Zimmer so ein großes Unternehmen entwickelt.“ 1983 hörte Cleto Reyes, der mittlerweile posthum in die Hall of Fame des Boxsports gewählt wurde, auf zu arbeiten. Bis zum Tod seiner Frau 1990 führten Alberto und Leticia das Unternehmen, 1996 dann stiegen die Töchter Magdalena und Elizabeth sowie Sohn Alberto jr. ein. „Dann wurde es leicht für mich, endlich konnte ich mich um Lobbyarbeit kümmern“, sagt Alberto Reyes. Er wurde Schatzmeister des mexikanischen Boxverbandes, Delegierter des Weltverbandes WBC mit Sitz in Mexiko-Stadt und Vorsitzender der Stiftung für ehemalige Boxer. Reyes stieg zu einer weltweiten Marke auf, die heute in 75 Ländern registriert ist.
„Wir wachsen jedes Jahr ein bisschen“, sagt Elizabeth Reyes. Dem Unternehmen komme zugute, dass Boxen seit fünf Jahren nicht mehr als Sport für die Unterschicht angesehen werde. „Viele unserer Kunden trainieren in luxuriösen Sportstudios. Das ist unser neuer Markt.“ Das wichtigste aber bleiben die internationalen Stars als Botschafter der Marke. „Die Helden sind das entscheidende“, sagt Alberto Reyes. Auf den Philippinen verkauften die Mexikaner kaum Handschuhe, ehe Volksheld Pacquiao in den Arenen von Las Vegas und New York mit Reyes zuschlug. „Mittlerweile ist das ein starker Markt für uns“, sagt Reyes, der noch heute ausschließlich Box- und nicht wie viele Wettbewerber auch Fitnessprodukte herstellt und vertreibt. „Diese Konzentration macht uns stark.“ Ein Handschuh für das Training hält jahrelang, ein Handschuh für den Wettkampf muss 15 Runden überdauern – bei einer erlaubten maximalen Kampfdauer von 12 Runden. „Bis jetzt ist noch keiner unserer Handschuhe während des Kampfes kaputt gegangen“, sagt Alberto Reyes.

„Hecho en Mexico“ prangt auf jedem Reyes-Handschuh – „Made in Mexico“. Wettbewerber bieten mittlerweile Handschuhe „Modell Mexiko“ an. Für Alberto Reyes ist sein Heimatland, das ihn 1995 mit dem Exportpreis auszeichnete, jedoch nicht nur ein Wettbewerbsvorteil. „Als Unternehmer hat man es nicht leicht in Mexiko. In den Vereinigten Staaten wäre es für mich sicher einfacher gewesen.“ So habe er früher keine Kredite bekommen. „Ich habe das Unternehmen alleine finanziert.“ Natürlich mit prominenter Unterstützung von Muhammad Ali, Mike Tyson, Manny Pacquiao und all den anderen Legenden dieses Sports.