„Mike Tyson“ – als dieser Name fällt, ist der Gast aus Deutschland mit einem Schlag hellwach. Zuvor hatten vier Stunden Verspätung des Fliegers, zweieinhalb Stunden Anstehen bei der Einreise und zwei Stunden Rush Hour in New York ihren Tribut gefordert. Jetzt, in der bedrückenden Enge des Greyhound-Busses, ist das alles plötzlich vergessen. „Mike Tyson“, flüstert der Passagier in der letzten Reihe nochmals. Der Berg von Mensch, der dort im Halbdunkeln auf die Toilette im hinteren Teil des Busses zuwankt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen jedoch nur als mäßige Kopie des früheren Champions. Mike Tyson soll zwar, was man so hört, ziemlich abgebrannt sein, aber dass er nachts für 35 Dollar den Roundtrip New York-Atlantic City bucht, ist wohl nicht mehr als ein Gerücht. Verbreitet vom Lümmel aus der letzten Reihe. Als der später auch noch Michael Jackson ausruft, lohnt noch nicht mal mehr das Hinsehen. Beim Aussteigen in den grellen Neonlichtern des Spielcasinos am Atlantikstrand entschuldigt er sich immerhin für sein Verhalten – er schüttelt den leeren Starbucks-Becher und murmelt „Too much drink“. So macht man das also in Amerika. Das Sixpack Tecate in ein paar Pappbecher umgefüllt hätte als Tarnung vollkommen gereicht. Merken für die nächste Reise.
Wer hier in der vor sich hindösenden, beinahe menschenleeren Zockerstadt aus England kommt, ist nicht nur am Shirt mit der Aufschrift „Team Froch“ zu erkennen, sondern vor allem auch am stets gefüllten Bierbecher in der Hand, losgelöst von der Uhrzeit. Selbst der Weltmeister aus Nottingham rechnet dem deutschen Gast am Tag vor dem Kampf beim Spaziergang in der Sonne vor: „Vier Stunden bis zum Wiegen, das macht vier Cocktails.“ Der Engländer versteht zu leben.
Das Freibier, das der Weltmeister seinen mitgereisten Fans nach dem Wiegen an der Bar im Caesars-Casino spendiert, hält nicht lange. Es ist zwar noch genügend da, als Ex-Weltmeister Johnny Tapia vorbeischaut – aber der hält es ja eher mit anderen Rauschmitteln.
Der Versuch, die Reise mit dem 25-Dollar-Gutschein vom Greyhond-Roundtrip an den Slot-Machines wieder reinzuspielen, misslingt. Ebenso wie die zahlreichen Versuche ohne Gutschein. Dafür funktioniert der Touchscreen für kostenfreie Getränkebestellungen tadellos, der Bourbon Cola kommt zuverlässig, der Dollar Trinkgeld lächerlich. Dass, während man so in die Nacht hineinspielt, Antonio Tarver und Carl Froch, einen Tag vor dem größten Kampf seines Lebens (und die Stöckelschuhe seiner Freundin tragend, also in den Händen), vorbeiflanieren, nimmt man eher beiläufig zur Kenntnis. Fight Week in Atlantic City.
Dass sich tags darauf Victor Ortiz auf den Vorwurf hin, man sei drei Monate zuvor eigens nach Las Vegas geflogen, um ihn gegen Floyd Mayweather siegen zu sehen und dann so etwas, per Umarmung entschuldigt („Wenigstens haben wir zusammen verloren“), relativiert den Schmerz (und die 600 Dollar für Tickets). Lucian Bute macht an der Hotelbar im Caesars einen gleichermaßen entspannten Eindruck, Andre Berto weniger und Steve Cunningham ist immer noch aufgebracht – das könnte sich wohl erst am 4. Februar ändern.
Die Boardwalk Hall an der langen Strandpromenade verströmt geradezu Boxgeschichte. Hier sind sie einzuatmen, die großen Schlachten, die großen Helden. Mike Tyson, Evander Holyfield, George Foreman, sie schlugen hier zu und ließen einen Teil von sich da. Arturo Gatti ohnehin. Was für Sven Ottke einst die Bördelandhalle in Magdeburg war, nämlich sein Wohnzimmer, war für Gatti die Boardwalk Hall in Atlantic City – 15 Kämpfe absolvierte er hier. Bördelandhalle oder Boardwalk Hall – die Entscheidung fiele wohl genauso leicht, wie sie klingt.
Auch an diesem Abend wird Geschichte geschrieben, der beste Supermittelgewichtler des Planeten wird gekrönt. Es ist eine deutliche Sache, eine Meisterleistung von Andre Ward, der im Moment seines größten Triumphes so gerührt, so bewegt, so bescheiden daherkommt, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Auch der Verlierer zeigt Größe, jedem Fan stellt er sich und versucht die Gründe seines Scheiterns zu erläutern. Ohne Ausreden, ohne Verbitterung, nur mit Enttäuschung. Auf der Pressekonferenz gratuliert er dem Sieger und bestaunt dessen Gürtel, die er sich entgehen ließ. Wer die beiden sieht, wie sie staunend wie Kinder die glitzernden Devotionalien betrachten, wie der Verlierer sie wenigstens einmal in seinem Leben berühren will, der ahnt, dass es diesen beiden nicht nur um den Scheck geht, wenn sie in den Ring steigen.
Bernard Hopkins schaut vorbei und schließt einen Nichtangriffspakt mit dem Champion, während sich sein Trainer Nazim Richardson vor dem Podium langlegt und schon mal einschläft. Schlafen: keine schlechte Idee. Denn in ein paar Stunden geht es zurück. Nach langen Diskussionen mit enttäuschten Engländern an der Bar (24 Stunden Happy Hour), mit anderen enttäuschten Engländern im Greyhound durch den Stau, mit öffentlichen Bussen durch den New Yorker Stadtverkehr, hin zum, natürlich, verspäteten Flieger. Aber mit Geschichte im Gepäck. Was will man mehr?